Zeiler Baudenkmäler

Speiersgasse 21 - Alte Freyung, Brauerei und Gaststätte

  • Speiersgasse 21

    Die "Alte Freyung"

  • Speiersgasse 21

    Hinweis auf einen Freihof?

  • Speiersgasse 21

    Das Wappen der Familie Lorber im Fenstersturz

  • Speiersgasse 21

    Die spätgotische Madonna

  • Speiersgasse 21

    Das Relief bezeichnete den alten Kastenhof des Hochstifts Bamberg

  • Speiersgasse 21

    Das Gaststättengebäude von 1920. Rechts geht es zur Stadtmauerpforte.

  • Speiersgasse 21

    Ostfassade des Gaststättengebäudes (davor die Stadtmauer)

Hans Brech

"Speiersgasse 21" wird eigentlich von zwei Häusern gebildet, beide groß und mit weiträumigen Hinterhöfen. Links (westlich) die sog. "Alte Freyung", rechts davon das Gaststättengebäude mit dahinterliegendem Biergarten. Die Brauerei Göller befindet sich im Innenhof des Freyungsgebäudes, der wie der Biergarten bis an den Messerschmidtsgraben reicht und somit den Verlauf der alten Stadtmauer nordwärts durchbricht.

Bei der "Alten Freyung" handelt es sich um einen traufständigen, zweigeschossigen Sattdeldachbau. Das Fachwerkobergeschoss weist zur Speiersgasse hin kunstvoll geschnitzte Pilaster auf und stammt wie das massive, verputzte Erdgeschoss aus dem 16. Jahrhundert. Ob das Haus - seinem Namen entsprechend - tatsächlich ein Freihof war, also ein Ort, an dem man Schutz und Asyl bei Verfolgung finden konnte, ist unklar, auch wenn ein aufgemalter Spruch ("Wer in diese Statt fleucht was er gethan hat, der hat Frid darinnen, diweil er darinnen ist.") darauf hinweist. Bei dem mit 1514 bezeichneten Relief am Treppenaufgang handelt es sich um die Darstellung des Kaiserpaars Heinrich und Kunigunde, die ein Modell des Bamberger Doms tragen. Es stammt ursprünglich aus dem alten Kastenhof des Bamberger Domkapitels, der an der Stelle stand, wo sich heute das Gaststättengebäude befindet. Am zweiten Erdgeschossfenster von links ist im Sturz das Wappen der Familie Lorber angebracht (der bischöfliche Rat Dr. Jobst Lorber hatte 1572 und 1573 die gesamte Freyung gekauft). Die Hausfigur - eine Madonna - ist spätgotisch.
Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein wurde das Haus v.a. von Amtspersonen (Schultheißen, Richtern usw.) bewohnt. Seit 1812 sind es durchgängig Bierbrauer und Wirte.

Der Gaststättenanbau stammt aus dem Jahr 1920 und wurde, wie bereits erwähnt, anstelle des Kastenhofs errichtet. Es handelt sich um ein unverputztes Sandsteingebäude, zweistöckig und - wie die Freyung - traufseitig zur Speiersgasse. Die östliche Giebelfassade ist parallel zur Stadtmauer abgeschrägt und gibt eine Nische für den alten Fußgängerdurchgang zur Altach frei.

Aus dem "Spaziergang durch Zeil":

Die Inschrift: "Wer in diese Statt fleucht, was er gethan hat, hat Fried darinnen, dieweil er darinnen ist" könnte auf einen Freihof hinweisen. Ehedem residierte hier der Kastner, bei dem die Steuern und Abgaben in Naturalien abzuliefern waren.
Freihöfe waren im Mittelalter angesichts von Selbstjustiz nicht ungewöhnlich. Sie waren Zufluchtstätte und Asyl für jene, die sich vor gesetzlosen Übergriffen schützen wollten. Der Standort der Freyung war recht günstig: Hier konnte man mit Hilfe des Hausherren begrenzt Unterschlupf finden oder auch unbemerkt durch das angrenzende Pförtlein durch die Stadtmauer entfliehen.
Ähnlich wie in Prichsenstadt, wo sich ein berühmter Freihof befand, ist in unmittelbarer Nähe eine jüdische Synagoge bzw. jüdische Ansiedlung. Gerade dieser Bevölkerungskreis war im Mittelalter ständig von Übergriffen bedroht. Das Asylrecht verliehen der Kaiser oder andere hohe Herrschaften. Zumeist waren auch Kirchen und Friedhöfe Stätten des Asyls. So werden auch heute noch Kirchen zuweilen von abschiebungsbedrohten Asylanten aufgesucht. Die kaiserliche Verordnung für den erwähnten Freihof im nahen Prichsenstadt lautet u. a.: "Wer die Freiheit bricht an einem, der in den Freihof geflohen ist, einem dahin nachläuft oder darinnen Gewalt treibt, dessen Leib und Gut ist verfallen."
Das Steinrelief mit der Jahreszahl 1514 zeigt Kaiser Heinrich und seine Gemahlin Kunigunda, welche den Bamberger Dom auf den Armen präsentieren - ein Zeugnis mehr für die einstige politjsche Bindung Zeils an das Fürstbistum Bamberg.
Das Wappen im Relief ist das Wahrzeichen eines im 16. Jahrhundert hier lebenden Amtskellers namens Leupold. Eine Frau aus dieser Familie stiftete 1453 eine jährliche Brotspende zur Unterstützung bedürftiger Kinder und armer Leute. Noch heute, mehr als 500 Jahre danach, wird für die edle Stifterin eine hl. Messe gelesen, für die die Stadt Zeil die Kosten als Rechtsnachfolgerin tragen muß.
Die herrlich geschnitzten Halbsäulen im Stil der Renaissance sind gottlob nicht, wie an manchen anderen Fachwerkhäusern, gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Hackbeil abgeschlagen und mit Putz überworfen worden, wie das mit dem übrigen Fachwerk geschehen ist.
Die "Alte Freyung" ist seit Jahrhunderten eine Braustätte. Sie ist die letzte von einstmals neun Braustätten in Zeil. ... Der wohl schönste Biergarten zwischen Bamberg und Schweinfurt zieht an heißen Sommertagen unzählige Gäste an.(Quelle: Ein Spaziergang durch Zeil, S. 44-46)

Aus der "Chronik":

1415 gewährte Bischof Albrecht bei der Belehnung einer neben dem alten Kastenhof in der heutigen Speyersgasse gelegenen Hube dem Inhaber, seinem derzeitigen Kastner zu Zeil Klaus Getzendorfer, nicht unbedeutende Vorteile. Auf Vorschlag des Friedrich von Aufseß, welcher unter den Bamberger hohen Geistlichen das Amt eines Schulmeisters und eines Oberwerkmeisters innehatte, befreite er Getzendorfer für dessen Lebenszeit das Lehen von Steuer, Bethe und Fron, unbeschadet der Nutzung von Wun und Weide der Gemeine zu Zeil69. Deshalb wurde diese Hube künftig Freihof oder Freiung genannt. Ähnlich begabte Anwesen vermochte Kehl auch ins benachbarten Haßfurt festzustellen. Aber weder in Zeil, noch dort besaßen diese Freihöfe oder Freiungen Dauer-Asylrecht für Verfolgte. Es hat jedoch den Anschein, als ob für die Zeiler Freiung ein Vorzug Gültigkeit gehabt hätte, welcher den Immunitäten in Bamberg, den Bezirken der hohen Geistlichkeit, eigen war. Dort besaß kein weltlicher Richter das Recht der Ausübung seines Amtes; Entgegennahme von Klagen, Vorladungen, Verhör und Verhaftung sowie ein Urteil durften nur eigens von den Immunitätsherren Beauftragte vollziehen. In den Zeiler Freihof durfte, wie E. Marquardt feststellen konnte, kein Vertreter der örtlichen, der Stadtgerichtsbarkeit, eindringen70. Für die "vier Pfähle" dieser Freiung galt der aus berechtigtem Heimatstolz an der Straßenseite angebrachte alte Spruch: ...[s.o.]

Seiner Bestrafung konnte sich ein Rechtsbrecher freilich mit dem Betreten der Freiung auf die Dauer nicht entziehen.
Am 20. 12. 1501 verkaufte Anton Getzendorfer, wahrscheinlich ein Enkel des Claus, den Freihof an seinen Stiefvater Hans Leupold, Amtsschultheiß zu Zeil, um 603 Gulden drei Ort. Den Besitzwechselvertrag siegelte der damalige Kastner Hans Bayer (Anm.71a). Anno 1572 kam von den Leupolds der halbe Hof für 1500 fl. an den bischöflichen Rat Dr. Jobst Lorber. Dieser erkaufte 1573 auch die andere Hälfte für 1800 fl. Ein anstoßendes altes Haus mit Stadel und Nebenhäuslein - der "Alte Kasten" (jetzt Brauerei Göller) - wurde von Dr. Lorber ebenfalls erworben, ausgebessert und mit dem Freihof verbunden. Auf Lorbers Bitte, doch auch seine Neuerwerbung in Ansehung seiner langjährigen treuen Dienste für das Bistum von Steuer, Bethe und Fron freizustellen, entsprach Bischof Joh. Georg Zobel von Giebelstadt diesem Wunsch. Bei der Beurkundung wurde auch die Ausstattung des Freihofes mit angeben: das Wohngebäude mit Stadel, Hofreit, Nebengebäuden und Gärtlein mit Fischkasten, neuneinhalb Acker Weinberg, vier Morgen Hoffeld, neun Morgen Wiesmat und dem Garten (Anm.71b). Im Jahr 1602 befand sich Lorbers Sohn Michel im Besitz des Freihauses: er bat um Steuerbefreiung. Drei Jahre später beschwerte er sich in Bamberg wegen Ungeltbelastung (Anm.71c). Nach seinem Tod ging bei Zustimmung des Domkapitels zu Bamberg die Freiung um 2400 fl. an Witwe Dorothea Neustetter geb. von Hirschberg über.(Quelle: Chronik, Bd. 1, S. 71f)

Aus den "Gaststätten in Zeil":

Die wohl bekannteste Wirtschaft in Zeil ist ohne Zweifel die "Alte Freyung" Seit sie einen Pächter hat, ist auch der eigentliche Schildername "Zum Hirschen" wieder ins Bewußtsein getreten. 1805 gehörte die Freyung Georg Görtler. Zu dieser Zeit war sie schon längst kein Kastenhof mehr, in den man seine Steuern in Naturalien abgab. Die Hausinschrift

"Wer in diese Statt fleuht (flieht) was er getan hat,
hat Fried darinnen,
dieweil der darinnen ist."

legt den Schluß nahe, daß dieses Anwesen einmal eine Asylstätte für Verfolgte war: Ob das wirklich so war, läßt sich allerdings nicht belegen. Sicher ist dagegen, daß der ehemalige Kastenhof früher einmal frei von Lasten und Abgaben war. 1815 gehörte die Freyung Georg Görtler. Zu dieser Zeit befand sich für sechs Monate in den Mauern der Freyung ein russisches Lazarett.
Die Wirtschaft befand sich bis zum Ersten Weltkrieg im heutigen Wohnhaus. Dort ist beim Umbau ein alter Wandspruch entdeckt worden, der vielleicht einmal als Wahlspruch der alten Zeiler gegolten hat und eine Version eines alten Lutherzitates ist:

"Raus mit dem Wort wenns wahr ist
Runter mit dem Bier, wenn's klar ist."

Mit dem reinen Bier war es freilich früher so eine Sache. Alle Vierteljahres kamen die gemeindlichen Prüfer um zu visitieren. Die Protokolle lassen erkennen, daß so manches Gebräu "verunglückt" oder gerade noch durchgeschlingert ist. 1817 kam das Anwesen an den Büttnergesellen Joseph Ries aus Dürrfeld. Er heiratete in Zeil eine Jungermanntochter. 1842 übernahm Georg Schäder, Sproß einer alte Wirts- und Brauersfamilie, die "Alte Freyung". Beim Verkauf werden 80 mit Reifen und 67 mit Holz gebundene Fässer erwähnt. Außerdem 6 Tische, 12 Stühle, 18 beschlagene Gläser und rund 50 andere Gefäße. 1881 übergibt der alte Schäder (Besitzer der kleinen Kapelle) sein Besitztum seinem Schwiegersohn Georg Weinig. Dieser war bis dahin auf der unter den Namen "Deutsche Eiche" bekannte Gastwirtschaft in der Langgasse. 1888 taucht die Bezeichnung "Freyungsgasthaus zum Hirschen" auf. 1906 feiert man noch das 610jährige Bestehen der "altrenomierten Freyung". Im vorigen Jahrhundert wird im Wirtschaftsgarten ein chinesischer Pavillion erwähnt. Ein andermal ist von einem "elegant dekorierten, schon von der Natur in überreichem Maß ausgestatteten Garten" die Rede. Der damalige Besitzer Weinig wirbt mit "selbstgezogenen Weinen". Kurz darauf muß Weinig die Freyung zwangsweise verkaufen und betreibt die Verarbeitung von Sandsteinen.. Offiziell übernimmt Josef Göller das Haus 1908. (Quelle: Ludwig Leisentritt: Gaststätten in Zeil