Zeiler Baudenkmäler

Speiersgasse 3

  • Speiersgasse 3

    So sieht das Haus im Jahr 2016 aus

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    ... und so 2010

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    Neidkopf unter der Dachtraufe

Brech

Laut dendrochronologischer Untersuchung entstand der Kern des Hauses um 1459, womit es zu den ältesten Wohngebäuden Zeils gerechnet werden kann. Die Hölzer des äußeren Fachwerks lassen sich der Zeit um 1683 zuordnen. Die Malerinschrift "1586" entspricht nicht der vorhandenen Bausubstanz. Der Wissenschaftler Gutbier (s. wissenschaftlicher Text weiter unten) vermutet als Baumeister Jörg Hofmann, der ja auch das berühmte Haus in der Hauptstraße gestaltet hat. Zumindest für die Fachwerkkonstruktion dürfte man also Ende des 17. Jahrhunderts annehmen. Ähnlich alt ist auch das Nebengebäude in der Zinkengasse, das im Kern um 1547 gebaut wurde, während das Fachwerk nach 1665 entstand. Relativ selten ist es für Zeil, dass sogar ein Teil des Erdgeschosses in Fachwerk ausgeführt ist.
Wie auch immer die genauen Datierungen sein mögen: Die überaus reiche Fachwerkgestaltung mit zahlreichen Flachschnitzereien - besonders der Giebelseite - gehört zu den beeindruckendsten im gesamten Zeiler Bestand.
Bis vor wenigen Jahren schien das 1968 letztmalig renovierte Haus allmählich zu verfallen. Einem neuen Besitzer ist es zu verdanken, dass es mittlerweile ganz in "alter" Pracht erstrahlt.

Aus "Das Bürgerhaus im östlichen Unterfranken"

Das Haus steht an der Ecke Zinkengasse/Speiersgasse und wendet der Speiersgasse den reich verzierten Südgiebel zu. Der Eingang liegt etwa in der Mitte der westlichen Traufseite.
Der zweistäckige Bau war ursprünglich ganz aus Fachwerk errichtet. Der Südteil des Erdgeschosses wurde im 19. Jahrhundert massiv ausgewechselt. Er hat jetzt Ecklisenen und Fenster in faszierten Einfassungen. Der Oberstock ist durch einen Bundständer in einen Stubenteil im Westen und einen Kammerteil im Osten geteilt. Bund-und Eckständer haben verzierte Kopfdreiecke. Der Brustriegel sitzt etwa in halber Stockwerkshöhe, wodurch sich eine relativ hohe Brüstungszone ergibt. Demzufolge reichen die Fenster mit ihren Stürzen bis an das Rähm. Die Sturzriegel haben nur fassadenteilende Funktion. Die Asymmetrie des Fachwerkgefüges wird in der Brüstungszone symmetrisiert. In der Fassadenmitte sitzt ein Scheibenkreuz, in den Seitenteilen sind jeweils Gruppen aus zwei Sternkreuzen angeordnet. Um die innere Symmetrie des Stubenteils nicht zu stören, sind hier die Stielehen zwischen den Kreuzen breiter. Außerdem wird er durch zwei kleine Feuerböcke beidseitig des Fensterpaars betont. Die Scheibe des Scheibenkreuzes wird von einem Kranz eingefaßt; in den Kreuzarmen sind Blütenglocken ausgestochen, in den Zwickeln Blattwerk. Der südwestliche Eckpfosten ist abgerundet, er trägt am Kopf eine geschnitzte Maske, aus deren Maul eine große Weintraube und Weinranken herauswachsen.
Auch das Giebeldreieck ist reich verziert. Die Ständer haben, wie im Oberstock, verzierte Kopfdreiecke, der Brüstungszierrat besteht aus einer jägerzaunartigen Vergitterung in den äußeren und Feuerböcken, die mit geschweiften Rauten geschnitten sind, in den inneren beiden Feldern. Zwischen den Riegeln sitzen schräge Hölzer, in die Köpfe geschnitzt sind, aus deren Mündern Blütenrispen wachsen. Im Spitzboden wird die Brüstung durch Andreaskreuze geteilt, in den Zwickeln sind Herzen ausgestochen. Über dem Spitzbodenfenster ist eine Halbrosette niedersächsischer Art angebracht, aus der ein Christus(?)monogramm wächst. Alle Gebälke sind verkleidet, das Kehlbalkengesims hat einen zur Mitte gegenläufigen Klötzchenfries; ein ähnlicher Fries faßt das Giebeldreieck an den Ortsparren ein.
Die westliche Traufseite ist schlicht. Das konstruktive Gerippe besteht aus einer Folge von Mannfiguren, Bund- und Zwischenständer sind nicht unterschieden. Die Riegel sind in gleicher Höhe wie am Giebel weitergeführt (T 84 a). Die Brüstungsfclder werden durch einfache Stie1chen geteilt, auf denen in der Regel Einzelfenster 'reiten', nur im nördlichen Teil des Oberstocks liegt ein Fensterpaar in der üblichen Art zu bei den Seiten des Zwischenständers. Das Gebälk ist unverkleidet.
Die Haustür ist nach Zimmermannsart konstruiert (T Tooa). In einer rechteckigen Blende zwischen zwei halben 'Männern' liegt ein rundbogiger Türstock mit einem Knaggenbogen. Die Blende hat einen Eckstab, der bogenförmig anläuft, der eigentliche Türstock eine schmale Fase. Unter dem Haus liegt ein tonnengewölbter Keller mit dem Kellerhals an der hinteren Stirnwand. Das Erdgeschoß hat eine klassische dreizonige Teilung. Der Mittelteil besteht aus dem Hausgang, dessen Wände in die Pfosten zu beiden Seiten der Haustür einbinden. Die beiden Seitenteile sind durch firstparallele Wände geteilt, im Nordostraum liegt die Haustreppe, unter ihr mündet die Kellertreppe. Im Gegensatz dazu ist der Oberstock kreuzgeteilt: Zur Speiersgasse liegen Stube und Kammer, im hinteren Hausteil Küche und Treppenhaus. Das Innengefüge entspricht dem Außengerüst. Das Dach hat einen einfachen stehenden Stuhl mit firstparallelen Bügen.
Das Gebäude ist durch eine Malerinschrift auf 1586 datiert; vom Formenschatz her dürfte es etwa 100 Jahre später entstanden sein. Fassadenaufbau und konstruktives Gerippe verbindet es mit dem Jörg-Hoffmann-Haus Hauptstraße 2 von 1686. Den gegenläufigen Klötzchenfries am Kehlgebälk finden wir dort wieder, ebenso das Zierfe1derpaar unter dem Spitz bodenfenster. Möglicherweise kann man auch dieses Haus Jörg Hoffmann zuschreiben, zumal es vermehrt mit Schnitzwerk versehen ist.
Der Bauherr ist unbekannt. Das Gebäude war Zeiler Pfarreilehen und um die Mitte des 18. Jahrhunderts in jüdischen Händen. (Quelle: BOU, S. 184-186)

Aus dem "Spaziergang durch Zeil":

Sehr reizvoll stellt sich das Haus Nr. 3 (Ecke Speiersgasse und Zinkengasse) dar. Es fällt durch den sehr schönen Lebensbaum, der aus dem Mund eines Männerkopfes herauswächst, auf. Die Schreckfratze soll besonders in der Nacht böse Gewalten von Haus und Familie abhalten. Die Sonnenscheibe ist durch Herzen mit daraus wachsenden Tulpen geschmückt. In diesen Merkmalen sind alle guten Wünsche vereint. Die von Herzen umgebenen Mal-Kreuze (X) im Giebel sind Zeichen für die Vermehrung des Glücks. Sie sind uns auch in der Mathematik als Zeichen für die Multiplikation geläufig.
In der Giebelspitze ist neben dem germanisch-heidnischen Fachwerksymbolen das christliche JHS eingeschnitzt.(Quelle: Ein Spaziergang durch Zeil, S. 47)