Zeiler Baudenkmäler

Speiersgasse 20

  • Speiersgasse 20

    Westseite als Abschluss der Speiersgasse vor der Stadtmauer

  • Speiersgasse 20

    Blick auf die Südseite (Judengasse)

  • Speiersgasse 20

    Rückseite mit eingebauter Stadtmauer (die 2 kleinen Fenster im OG sind ehemalige Schießscharten)

  • Speiersgasse 20

    Ein ehemaliger Torbogen im Innenbereich des Hauses

Brech

Das zweigeschossige Wohnhaus mit verputztem Untergeschoss und Fachwerkobergeschoss bildet den weithin sichtbaren östlichen Abschluss der Speiersgasse und ist direkt an die Stadtmauer angebaut. Ehemalige Schießscharten der Stadtmauer dienen heute sogar als kleine Fenster. Die Stadtmauer selbst ist an der Ostfassade noch gut als Absatz zu erkennen.
Erbaut wurde das Haus 1722 (Inschrift) vom Zeiler Revierjäger Franz Steinert. Das hohe Mansarddach ist das früheste Beispiel seiner Art in Zeil. Ob das Fachwerk mit seinen Mannfiguren von Anfang an als Sichtfachwerk vorgesehen war, ist nicht mehr feststellbar.

Aus "Das Bürgerhaus im östlichen Unterfranken":

Das Haus, dessen Rückwand von der Stadtmauer gebildet wird, hat vorne und an den Seiten ein massives Erd- und ein Fachwerkobergeschoß. Beide Geschosse haben 3:2, wenn auch unterschiedlich breite, Fensterachsen. Charakteristisch ist das hohe Mansardendach, das frühste Beispiel dieser Art in Zeil. Der Erdgeschoßverputz mit den betonten Eckquadern ist nicht der originale. An der Südseite ist folgende Inschrift angebracht: "I7.I.F.S.22". Die Fenster haben geohrte Einfassungen mit leicht profilierten Randleisten. Ein Wasserschlag schließt den steinernen Teil ab.
Der Fachwerkstock setzt über einem steigenden Profil an, die Schwelle ist profiliert. Die Eckpfosten haben aufgelegte, lisenenartige Streifen. Die Hauptfront ist in Zeiler Art durch zwei Zwischenpfosten dreigeteilt, alle Pfosten sind Mannfiguren mit unverzierten Kopfknaggen. Nur der erste Zwischenpfosten von links ist ein echter Bundpfosten. Die Fenster sitzen wie üblich in den Mittelachsen der Wandabschnitte, haben eigene, kurze Sturzriegel und reiten auf Brüstungsstielchen. Im rechten Hausteil wurde im 19. Jahrhundert ein viertes Fenster durchgebrochen, das den zweiten Zwischenpfosten mit seinen Streben unterbricht. Die beiden Schleppgauben im Dach dürften zum Originalbestand gehören.
Der Hausgrundriß ist kreuzgeteilt, zur Straße liegen die Wohn-, zur Stadtmauer die Neben- und Wirtschaftsräume, der Eingang führt neben der Stadtmauer sofort in den Treppenflur.
Das Dach ist klar durchkonstruiert, es hat einen liegenden Stuhl. Entsprechend den drei Wandabschnitten der Hallptfassade wird das Dach durch zwei Binder dreigeteilt, den zwei Giebelwandabschnitten entspricht ein halber Binder in der Hausmitte, von den Ecken aus vervollständigen vier halbe Diagonalbinder die Konstruktion. Die Spannriegel liegen alle in einer Ebene, die Büge sind verzapft. Zwischen den durchgehenden Bindern dienen Mittelriegel und Kopfbänder als Windverband. Das Haus hat keinen Keller.
Die Inschrift auf der Südseite bezieht sich auf den Jäger Jörg Franz Steinert. Er erwarb das Grundstück 1722 von der Stadt, um es mit einem Haus zu bebauen. Sein eigentliches Wohnhaus war Speiersgasse 18, die spätere Zeiler Synagoge. Die Überlieferung, es handele sich um das städtische Zeughaus, läßt sich nirgends belegen. Zu dieser Annahme hat wohl seine exponierte Lage direkt an der Stadtmauer geführt.
Das Haus ist ein gutes Beispiel für die einfache Kreuzteilung. Es ist unsicher, ob das Fachwerk für Verputz bestimmt war; die profilierte Schwelle spricht dagegen, die ecklisenenarrigen Auflagen sprechen dafür. Die Mannfiguren legen aber nahe, Sichtfachwerk anzunehmen. (Quelle: BOU, S. 199)

Zur Entstehungsgeschichte ein Text von H. Weisel:

Heinrich Weisel: Das Haus des Försters an der Zeiler Stadtmauer (2001)

Das Städtchen Zeil war seit dem 11. Jahrhundert als bambergische Enklave ringsum von würzburgischem Territorium umgeben. Im Oberland nahe bei Bischofsheim, am sog. Dreiländereck, grenzte sogar bambergisches, würzburgisches und sächsisches Gebiet aneinander. Vom Krumbachtal bis dort hinauf verlief die mit Marksteinen gezeichnete Grenze zudem noch überwiegend durch Wald, den fürstbischöflich-bambergischen "Zeiler Forst". Da dieses Waldgebiet dem Landesherren und seinen höchsten Beamten in Bamberg zur Jagd und zur Holzgewinnung vorbehalten war, hatten weder die Einwohner aus Zeil noch die aus den angrenzenden "ausländischen" Dörfern dort etwas verloren. Doch dies reizte erst recht, sich aus dem Wald unberechtigt mit Holz zu versorgen oder einen Hasen für den eigenen Kochtopf zu erlegen.
Deshalb ließen die Behörden in Bamberg gerade den "Zeiler Forst" besonders gut durch eigene "Jäger" bewachen. Diese waren zwar in erster Linie die für die Holzwirtschaft zuständigen Förster, sie hatten jedoch auch hoheitsrechtliche und polizeiliche Befugnisse, um bei Grenzverletzungen sofort einschreiten zu können, was sie auch immer wieder taten. Diese "Jäger" erhielten bei ihrer Dienstverpflichtung in Bamberg die Auflage, daß sie beritten und "bewehrt" (d.h. bewaffnet) sein mußten, um notfalls sofort die Verfolgungen von Straftätern zu Pferd durchzuführen und deren Festnahme mit Waffengewalt zu erzwingen. Die in Zeil eingesetzten "Jäger" waren samt und sonders ortsfremde Beamte, die mit ihren Familien hierher versetzt wurden. Dadurch sollte ganz gezielt jegliche "Kumpanei" mit der einheimischen Bevölkerung unterbunden werden.
In den Archivalien von Zeil und Krum sind zahlreiche Vorfälle aktenkundig, wo z.B. Kühe aus Krum bei der Hut im würzburgischen Wald wegen Nachlässigkeit der Kuhhirten die Grenze zum "Zeiler Forst" überschritten uns sofort von den "bambergischen Jägern" beschlagnahmt und abgeführt wurden. Aber auch ein Todesfall passierte an dieser Grenze, den der zuständige Geistliche im Zuge eines Sterbeeintrags im Krümler Kirchenbuch notierte. Am 04. November 1633 gegen abends ging "Hannß Weinman der Alt" von Krum aus seinem Haus in Richtung Rümpfelbachtal "in den Zeyll Walt". Er wollte sich dort für seinen Eigenbedarf einige hölzerne Stangen "besorgen". Bei seinem Gang zum Wald wurde er offensichtlich von anderen Dorfbewohnern gesehen. Als er im Wald die Grenze überschritten hatte und gerade mit dem Abhacken der Stangen beschäftigt war, "ist der Förster darzu komen". Dieser stellte den Hannß Weinman offensichtlich zur Rede und dabei müssen sie tätlich aneinandergeraten sein, denn der Förster griff zum Gewehr. Im Dorf hörte man einen Schuß und als Hannß Weinman nicht heimkam, suchten einige Männer im Wald nach ihm. Sie fanden ihn, "durch ein Schuhß verwundtet", trugen ihn in sein Haus, wo er jedoch schon bald verstarb. Am 06.November ist er nach dem Eintrag des Geistlichen "gantz christlich Zur Erdten begraben wordten".
Um das Jahr 1721 wurde wieder einmal ein neuer "bambergischer Jäger" mit seiner Familie nach Zeil versetzt. Er hieß Jörg Franz Steiner und wohnte in einem Vorgängerbau der heutigen Synagoge am unteren Ende der Speiersgasse, gegenüber der "Alten Freyung" und nahe bei der Stadtmauer. Jörg Franz Steiner stammte aus Lohr am Main, welches damals zum Fürstbistum Mainz gehörte und unter Schönbornherrschaft stand. Lothar Franz von Schönborn war um diese Zeit sowohl Kurfürst von Mainz wie auch Fürstbischof von Bamberg. Dadurch gab es offensichtlich die Möglichkeit, sich beruflich von mainzischem Gebiet nach Bamberg zu verändern. Hier heiratete er am 08.Juni 1704 die Büttnerstochter Anna Stumpf. Als Trauzeugen fungierten der Forstmeister Johann Caspar Mayer und der Dachdecker Johann Paul Theuerkauf, beide aus Bamberg. Dem Ehepaar Steiner wurden 5 Kinder geboren, die sie von auswärts mit nach Zeil brachten. Am 05. März 1722 stellte laut dem Zeiler Ratsprotokoll der Förster Jörg Franz Steiner beim Bürgermeisteramt auf dem Rathaus den Antrag,"ihme bey der Freyung ahn der Statt Mauern ein örthlein Zu bauung eineß Häußlein Zu vergünstigen" (=verkaufen). Der Rat entschied, daß erst eine Ortsbesichtigung stattfinden und dann eine Entscheidung getroffen werden solle. Dem Kaufwunsch des Försters wurde stattgegeben, der Kaufpreis für die kleine Grundfläche betrug 8 Gulden und noch im gleichen Jahr wurde der Neubau begonnen. Der Unterbau des Hauses wurde gemauert und darauf eine Fachwerkkonstruktion mit einem hohen Mansardendach aufgesetzt. Selbstbewußt ließ Steiner auch auf der Eingangsseite über dem Fenster eine Steinplatte mit seinen eingemeißelten Initialen und der Jahreszahl des Baubeginns einfügen: "17 I F S 22". Im darauffolgenden Jahr 1723 konnte dann der Bezug erfolgen, in diesem Jahr verstarb des Försters 2-jähriges Söhnchen "Philipp".
Der älteste Steiner-Sohn "Johann Adam" erlernte an einem nicht bekanntem Ort einen Bauberuf, trat in militärische Dienste und wurde als Bauinspektor dem militärischen Baumeister auf der Festung Rosenberg in Kronach unterstellt. Dort lernte er die Witwe Eva Dorothea Triebel kennen, ehelichte sie am 06.Febr.1735 und beantragte am 22.März 1735 das Kronacher Bürgerrecht. Er stieg durch seine Heirat in die gehobene Bürgerschicht der Stadt auf und wurde Ratsherr, verstarb aber bereits am 29.März 1738 ohne Nachkommen im Alter von erst 33 Jahren. Den Tod seines ältesten Sohnes in Kronach erlebte der Zeiler Förster Jörg Franz Steiner nicht mehr, denn er war hier bereits im September 1736 verstorben und begraben worden. Hier lebte nur noch die Witwe Anna Steiner mit ihren drei heranwachsenden Töchter namens Magdalena, Catharina und Margaretha. Diese waren schon bald begehrte Frauen für einheimische Männer. Die Tochter Magdalena heiratete im Januar 1739 den Schulrektor Heinrich Joseph Dückelmann. Catharina Steiner wurde im Juli 1741 die Ehefrau des Witwers Sebastian Fenninger, er war Bader und wohnte in der Vorstadt. Die jüngste Tochter Margaretha wurde im Februar 1752 in der Zeiler Kirche mit dem Ratsherrn Jacob Albrecht verheiratet. Die Mutter konnte noch alle drei Hochzeiten ihrer Töchter mitfeiern, sie verstarb im März 1753. Wenn auch der Familienname "Steiner" schon nach einer Generation aus Zeil wieder verschwunden war, so zeugt doch das schöne Fachwerkhaus an der Stadtmauer von seinen einstigen Erbauern und Besitzern.

(2001 Copyright by Heinrich Weisel, Zeil)